Junghans Kunststoffwaren-Fabrik feiert 150 Jahre

„Dem Nachwuchs eine Chance“

Von Salbenkruken und Schulkreide im 19. Jahrhundert bis zur Smart Factory der Gegenwart: Die Geschichte der Junghans Kunststoffwaren-Fabrik ist geprägt von familiärer Kontinuität, von innovativen Ideen – aber auch von Rückschlägen, wirtschaftlicher Unsicherheit und mutigen Neuanfängen.

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Gründersohn Paul-Eduard Junghans an der ersten Drehbank des Unternehmens.
Paul-Eduard Junghans, Urenkel des Gründers, an der ersten Drehbank des Unternehmens.

Mit den Worten: „Nicht mehr allzu lange und die fünfte Generation wird mit Stolz und Freude auf das inzwischen Erreichte zurückblicken können und ein wenig Kraft daraus schöpfen, zu erkennen, was mit Mut, Hoffnung und Ausdauer auch aus großer Not noch geboren werden kann.“ übergab Fritz Junghans 1985 seinem Enkel Klaus eine kleine Dokumentation zur Familiengeschichte.

Und diese ist letztlich weit mehr als eine Erinnerung an vergangene Zeiten. Es ist eine Botschaft über die Generationen hinweg, die die Geschichte des Unternehmens geprägt und weiter vorangetrieben haben. Eine Botschaft, die heute – zum 150-jährigen Bestehen der Junghans Kunststoffwaren-Fabrik – aktueller wirkt denn je.

Von Salbenkruken zur Pharmaverpackung

Als Christoph Junghans 1876 im nordhessischen Vockerode mit dem Handel von Salbenkruken sowie Schneider- und Schulkreide begann, konnte niemand ahnen, dass daraus einmal ein modernes Unternehmen entstehen würde, das sich durch die Gestaltung und Produktion individueller Verpackungen, Verschlüsse, Deckel und Behälter für die Lebensmittel-, Pharma- und Kosmetikindustrie sowie für Tiernahrung einen Namen gemacht hat. Eine Vielzahl weltbekannter Marken setzt auf die Produkte aus Hessisch-Lichtenau.

Aus dem Handel entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts relativ schnell eine eigene Herstellung von Salbenkruken aus Porzellan und Ton. Die Produktion erfolgte in Großalmerode im Werra-Meißner-Kreis bis in die 40er Jahre hinein. Hier wurden auch schon Porzellantiegel mit Zelluloiddeckeln hergestellt. Damit bereitete Carl Eduard Junghans bereits in 2. Generation den Weg zum Hersteller von Kunststoffverpackungen. Schon damals wurden für die ikonischen, kleinen Underberg-Flaschen die Kunststoffverschlüsse hergestellt. Auch mehrfarbig bedruckte Deckel gehörten damals bereits zum Angebot aus Nordhessen.

Neuanfänge eröffnen neue Perspektiven

Wo andere vielleicht resigniert hätten, sah die Familie Junghans im Neuanfang stets auch neue Perspektiven und schöpfte daraus frische Motivation. 1948 brannte die Produktion komplett ab, ein Neustart in Zeiten der Währungsreform eine Herausforderung. Aber selbst als die Produktion 1952 in Großalmerode erneut Opfer eines Brandes wurde und man im gleichen Jahr nach Hessisch Lichtenau umzog, blieb der Tatendrang ungebrochen. Denn mit dem Umzug nach Hessisch Lichtenau wurde gleichzeitig ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Ausgerechnet die existenzbedrohende Krise führte zu einer Entscheidung, die das Unternehmen bis heute prägt: Statt Porzellan wurden erstmals Kunststoffverpackungen gefertigt. Und die erste Dose entstand aus dem damals modernen Duroplast Bakelit. Was als Notlösung begann, wurde zur Initialzündung für eine Erfolgsgeschichte.

Erfolg misst sich nicht nur in Zahlen

Natürlich lassen sich 150 Jahre Unternehmensgeschichte auch leicht in Zahlen erzählen: Was mit einer kleinen Einmann-Handelsvertretung begann, ist heute ein Unternehmen mit 14 Mio. Euro Umsatz, das mit 65 Mitarbeitenden Millionen an Verpackungen pro Jahr produziert, die zu 95 % an internationale Konzerne in Deutschland gehen und damit auch im Ausland Verbreitung finden.

Beeindruckender als die reinen Zahlen sind jedoch die Geschichten dahinter, die von Kontinuität und vertrauensvoller Kooperation und langjähriger Kundenbindung erzählen. Junghans hat nicht nur weltbekannte Marken wie Tretamin, Südzucker, Natreen oder Wiberg Gewürze, um nur einige zu nennen, im Portfolio. Viele Kunden arbeiten auch seit Jahrzehnten mit Junghans zusammen, einige Geschäftsbeziehungen bestehen seit über 60 Jahren. In Zeiten einer sich immer schneller und permanent verändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage alles andere als selbstverständlich.

Diese Verbundenheit entsteht nicht zufällig, sondern ist Ausdruck einer Unternehmenskultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Manche der Mitarbeitenden sind seit mehr als 45 Jahren im Unternehmen beschäftigt. Die Fluktuation ist außergewöhnlich gering und auch Menschen mit Behinderungen und Geflüchtete finden bei Junghans Perspektiven und langfristige Beschäftigung.

Tradition trifft Moderne

Zwischen 2018 und 2020 investierte Junghans rund 9 Mio. Euro in Digitalisierung und Automatisierung. Fahrerlose Transportsysteme, Palettierroboter, automatische Verpackungslinien und ein modernes Hochregallager ermöglichen effiziente Prozesse. Gleichzeitig werden die Mitarbeitenden dadurch körperlich entlastet.

Die Digitalisierung ermöglicht innerhalb kürzester Zeit die lückenlose Rückverfolgung jedes einzelnen Produkts – von der Rohstoffanlieferung bis zur Auslieferung an den Kunden. Und auch bei Qualität und Lebensmittelsicherheit setzt das Unternehmen Maßstäbe. Die Spitzenbewertung AA+ bei einem unangekündigten BRC-Audit bestätigt diesen Anspruch.

Generationenübergreifende Kontinuität und technischer Fortschritt

Die familiäre Kontinuität ging bei Junghans stets einher mit technischer Innovation. Denn jede Generation sorgte mit neuen Ideen und neuen Technologien für Fortschritte. Junghans, der Name steht eben auch für „Mut zum Wandel“. So erkannte Fritz Junghans schon früh das Potenzial von Kunststoff (1952), die Umstellung von Duroplasten auf Thermoplaste (1960) eröffnete den Einstieg in moderne Spritzgussverfahren – eine strategisch weitreichende Entscheidung.

1972 übernahm Paul-Eduard Junghans die Verantwortung und mit Klaus Junghans trat 1989 die fünfte Generation in das Familienunternehmen ein. Der Diplom-Ingenieur übernahm 1997 die Geschäftsführung. Und seine Frau Martina, gelernte Chemie-Ingenieurin und heute ebenfalls in der Geschäftsleitung, verantwortet jetzt die Bereiche Personal und Qualitätsmanagement.

Neben der vollautomatischen Fertigung bietet das Unternehmen heute auch individuelle Projektentwicklungen für Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Also eine umfassende Begleitung von der ersten Idee bis zur serienreifen, hygienisch sicheren und umweltschonenden Verpackungslösung.

Die Zukunft sieht Klaus Junghans vor allem in nachhaltigen Produkten. Sortenreine Materialien, Gewichtsreduktion und geschlossene Recyclingkreisläufe stehen dabei im Mittelpunkt. Produktionsabfälle werden bereits heute wiederverwertet und auf Wunsch erneut zu Verpackungen verarbeitet.

„Ein Schwerpunkt soll zukünftig die Entwicklung von sortenreinen Verpackungen sowie die Gewichtsreduktion der Verpackungen sein. Unsere Produktionsabfälle recyceln wir bereits selbst und produzieren daraus auch neue Verpackungen auf Kundenwunsch“, betont Klaus Junghans. Das Unternehmen ist damit gut auf die Forderungen der PPWR hinsichtlich Verpackungsdesign, Materialeinsatz, Lieferkettenstrukturen und Dokumentation gerüstet.

Familiäre Kontinuität bleibt wichtig

Was vor 150 Jahren mit dem Verkauf von einfachen Salbenkruken begann, ist zu einem modernen Unternehmen geworden, das sich für die Zukunft gut aufgestellt sieht. Mit „Mut, Hoffnung und Ausdauer“ sollte sich diese Erfolgsgeschichte auch weiterhin fortschreiben lassen.

Damals wie heute achten die Verantwortlichen bei Junghans darauf, dass die familiäre Kontinuität gewährt bleibt – getreu dem Motto von Fritz Junghans, der das Bild seines Sohnes Paul-Eduard Junghans an der ersten kleinen Drehbank des Unternehmens mit der Unterzeile versah: „Dem Nachwuchs eine Chance!“