23. Inno-Meeting in Osnabrück

Flexpack 2030: Branche unter massivem Transformationsdruck

Strengere Lebensmittelkontakt-Vorgaben, ambitionierte PPWR-Ziele sowie der schrittweise Ausstieg aus PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) erhöhen den Transformationsdruck auf die Hersteller flexibler Verpackungen. Für sie geht es um grundlegende strukturelle Änderungen.

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Der Transformationsdruck auf die Hersteller flexibler Verpackungen ist groß.

Das 23. Inno-Meeting in Osnabrück rückte diese Herausforderungen in den Mittelpunkt. Leitthema des Tages: „Flexpack 2030“. Präsentiert wurden Lösungen für eine digital beschleunigte Produktentwicklung, innovative Barrierematerialien und Recyclinglösungen im geschlossenen Kreislauf. Hier vier besonders interessante Beiträge.

One Five: Revers be Engeineering

Claire Gusko ist Mitbegründerin des Startups One Five. Das Unternehmen setzt gezielt KI zur Entwicklung wiederverwendbarer Kunststoffe ein. Gusko zeigte in ihrem Vortrag, wie Hochdurchsatzdaten und KI die Entwicklung nachhaltiger, flexibler Verpackungen revolutionieren. Ausgangspunkt ist die Kritik am traditionellen Trial-and-Error-Ansatz, der zeitaufwendig, teuer und oft ineffizient ist. Fehlentscheidungen führen entweder dazu, dass geeignete Materialien zu spät erkannt werden (False Negatives) oder ungeeignete Lösungen unnötig weiterverfolgt werden (False Positives).

One Five verfolgt einen Reverse Engineering Ansatz, der Trial-and-Error vermeidet: Zunächst werden klare Leistungsziele definiert – etwa Anforderungen an Maschinengängigkeit, Haltbarkeit, Optik oder Recyclingfähigkeit. Diese Zielgrößen bestimmen den Trainingsdatensatz für KI-Modelle. Auf Basis von Hochdurchsatzdaten, strukturierten Versuchsreihen (Design of Experiments) und Feature-Importance-Analysen identifiziert die KI die entscheidenden Materialeigenschaften.

Durch digitales Screening lassen sich ungeeignete Materialien frühzeitig aussortieren, sodass sich die Entwicklung auf vielversprechende Lösungen konzentriert. Praxisbeispiele zeigen eine deutlich höhere Vorhersagegenauigkeit sowie eine erhebliche Beschleunigung der Entwicklung. So konnte etwa ein Projekt von 18 auf drei Monate verkürzt werden, indem realistische Barriereanforderungen erkannt und Overengineering vermieden wurden. Insgesamt ermöglicht dieser Ansatz schnellere Innovation, geringere Kosten und eine effizientere Entwicklung marktfähiger, nachhaltiger Verpackungslösungen.

Vergleich traditioneller F&E-Kosten gegenüber Reverse Engineering.

 

Dow Chemical: Zielkonflikt zwischen Performance und Circularity

 

Isabel Arroyo von Dow Chemical Ibérica S.L. zeigte, wie die Verpackungsverordnung PPWR flexible Verpackungen grundlegend verändert - Rezyklierbarkeit, Recycling im industriellen Maßstab und ein verpflichtender PCR-Anteil werden von optionalen zu verbindlichen Anforderungen. Gleichzeitig bleiben zentrale Leistungsanforderungen wie Barrierewirkung, Produktschutz, Maschinengängigkeit und Lebensmittelsicherheit unverzichtbar, insbesondere bei Lebensmittelverpackungen. Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand der Zielkonflikt zwischen Performance und Circularity. Konkret: Herkömmliche Hochbarriere-Strukturen aus Verbundmaterialien erfüllen oft die Rezyklierbarkeits-Anforderungen nicht, weshalb PE-basierte, Design-for-Recyclability-fähige Alternativen entwickelt werden müssen. Dafür nennt sie mehrere technologische Hebel wie MDO (Machine Direction Orientation) / BOPE (Biaxially Oriented Polyethylene)

 Orientierungstechnologien, kompatible Barriere-Systeme und zugelassene Copolymere sowie die Integration von Rezyklat. Anhand von Stretch-Wrap- und Stretch Film-Anwendungen mit Revoloop-PCR demonstrierte sie, dass sich hohe PCR-Anteile mit verlässlicher Performance kombinieren lassen und regulatorische Anforderungen wie beispielsweise PCR-Quoten und Nachhaltigkeitsziele industriell skalierbar erfüllen lassen.

 

Orientierungs-Technologien gehören zu den Lösungsansätzen für das D4R.

Cybersecurity: Gefährdete Schnittstellen  

Cybersecurity Experte Thomas Brenner machte in seinem Vortrag deutlich, dass scheinbar einfache Technologien wie Barcodes, QR-Codes und NFC längst zu kritischen Schnittstellen zwischen analoger und digitaler Welt geworden sind – und damit auch zu potenziellen Einfallstoren für Cyberangriffe. Verpackungen werden so zur unerwarteten Angriffsfläche. In einer Live-Hacking Demonstration zeigte er die aktuellen Schwachstellen einzelner Techniken. So können manipulierte Barcodes Preise verändern oder Schadsoftware einschleusen. In einer eindrucksvollen Demonstration wurde ein Industriescanner über einen präparierten Code ferngesteuert. Auch moderne Angriffsszenarien wie „Bad USB” oder Bluetooth-basierte Attacken mit Tools wie dem „Flipper Zero” machen deutlich, wie leicht sich Systeme kompromittieren lassen, wenn Geräte sich als harmlose Peripherie ausgeben. Besonders eindrücklich war die Live-Hacking-Demonstration, in der Brenner aktuelle Schwachstellen aufdeckte und reale Sicherheitsvorfälle der letzten Monate einordnete. Abschließend präsentierte er Lösungsansätze, welche Schutzmöglichkeiten bestehen, beziehungsweise was zu tun ist, wenn man gehackt wurde. Sein Fazit: Jede Nutzereingabe ist ein potenzielles Risiko. Konsequente Validierung, die Isolation kritischer Systeme wie Kassenzonen sowie klar definierte Zugriffsbeschränkungen sind zentrale Schutzmaßnahmen. Der Vortrag machte deutlich, dass digitale Verpackungstechnologien ohne durchdachte Sicherheitskonzepte schnell zur Schwachstelle werden können.

Hackingtools zum Angreifen von QR-Codes und Barcodes

Outnature: Alternative Fasern im industriellen Einsatz

 Outnature ist ein Anbieter alternativer Fasern aus Silphie und Stroh vor, zur Herstellung nachhaltiger Papier‑ und Verpackungsprodukte - auch im industriellen Maßstab. Dabei werden Reststoffe aus der Landwirtschaft regional genutzt, Transportwege verkürzt und kaskadische Rohstoffnutzung umgesetzt, um Holz als Hauptquelle für Papier teilweise zu ersetzen und Stoffkreisläufe zu schließen. Ziel ist eine Bioökonomie mit möglichst geringer Ressourcenverschwendung. Aktuell wird die Energiepflanze Silphie als Faserquelle genutzt. Sie bietet ökologische Vorteile wie Biodiversitätsförderung, Humusaufbau und eine deutlich bessere Klimabilanz im Vergleich zu konventionellen Fasern. Silphie-Papier verursacht erheblich weniger CO₂-Emissionen und ist vollständig recycelbar. Produkte in Lidl und Kaufland-Märkten sowie die Zusammenarbeit mit Procter & Gamble untermauern die Marktreife derartiger Verpackungslösungen.

Als nächster Schritt steht die Nutzung von Stroh im Fokus, so Thomas Strieder, Sales Director bei Outnature. Stroh ist ein in großen Mengen verfügbarer landwirtschaftlicher Reststoff und eignet sich als kostengünstiger, regionaler Rohstoff. Der Prozess umfasst Aufbereitung, Fasergewinnung durch biothermische Verfahren und anschließende Papierproduktion. Technologisch verbessert Strohfaser die Papierqualität und kann durch ihre spezifische Faserstruktur bestehende Materialien wie Testliner aufwerten. Mit Leipa wird ein erstes Projekt dieses Jahr realisiert. Ziel ist es, alternative Fasern aus der Nische in den industriellen Standard zu überführen und nachhaltige Verpackungslösungen breit verfügbar zu machen.

Verpackungen aus Silphie in den Märkten von Lidl und Kaufland.