Die Volumina sinken, Hersteller machen dicht

Ist die deutsche Kartonindustrie zukunftsfähig?

Wenn Verbraucher Karton wollen und Europa wächst – warum schrumpft dann die deutsche Produktion und verschwinden immer wieder Hersteller faserbasierter Packmittel vom Markt? Diese und andere Fragen mehr stellten wir Christian Schiffers, Geschäftsführer Fachverband Faltschachtel-Industrie (FFI), sowie Winfried Mühling, Leiter Marketing & Kommunikation beim Verband Pro Carton.

6 min
Osteuropa, aber auch Länder wie die Türkei gewinnen als Produktionsstandorte an Relevanz.

Redaktion: Herr Schiffers, Verbraucher mögen Karton – die Mengen sinken trotzdem. Wie passt das zusammen? Seit 2022 hat die Branche fast ein Fünftel ihrer Menge verloren.
Christian Schiffers:
Es ist richtig, dass die deutsche Faltschachtelindustrie in den vier Jahren von 2022-2025 rund 17 % ihres Produktionsvolumens zu verloren hat. Gleichzeitig verringerte sich der entsprechende Produktionswert „nur“ um 10 %. Gründe, dass es keinen Gleichschritt von Menge und Produktionswert gibt, sind gestiegene Energie-, Personal-, Material- und Regulierungskosten, von denen unisono in den Branchen der Papier, Pappe und Karton verarbeitenden Unternehmen in Deutschland berichtet wird.

Christian Schiffers, Geschäftsführer Fachverband Faltschachtel-Industrie (FFI).

Die Nachfrage nach Faltschachteln in Deutschland war historisch langfristig immer an die gesamtwirtschaftliche Entwicklung gekoppelt. Diese Kopplung schwindet gerade im deutschen Faltschachtel-Markt zunehmend. Die Faltschachtel-Produktion einerseits und die gesamtwirtschaftliche Leistung sowie die private Nachfrage in Deutschland andererseits nehmen unterschiedliche Entwicklungspfade auf. Dies ist zum einen ursächlich zurückzuführen auf die Standortnachteile der hiesigen Unternehmen gegenüber den osteuropäischen Wettbewerbern. Und zum anderen zeichnet sich immer deutlicher ein europäischer Faltschachtel-Markt ab, bei denen die Verpackungen für großvolumige Konsumgüter europaweit produziert werden – und dabei insbesondere in ost- und südosteuropäischen Ländern. Und weil eben das gesamteuropäische Produktionsvolumen an Faltschachteln über die Jahre leicht steigend ist, ist die deutsche Faltschachtelindustrie weniger einem Konjunktur-Problem, sondern eher mit Standortproblemen konfrontiert.

Redaktion: Hat Deutschland eher ein Kosten- als ein Nachfrageproblem? Der Produktionswert je Tonne Faltschachtel stieg laut FFI von 1.973 Euro 2020 auf 2.571 Euro 2025 – rund 30 %, während die Menge sank.
Schiffers:
Das deutlich gestiegene Verhältnis von Produktionswert zu Produktionsmenge sagt genau das aus. Die Kosten für Energie und für Personal sind hier nicht nur in der eigenen Branche gestiegen, sondern auch bei sämtlichen Lieferanten unserer Unternehmen. Somit schlagen die erhöhten Bezugspreise in den eigenen Kalkulationen für Faltschachteln deutlich zu Buche. Die Faltschachtel-Industrie in Deutschland bildet hier keine Ausnahme zu allen anderen hiesigen Produktions-Branchen.

Redaktion: 2005 weist die Statistik 116 Faltschachtelunternehmen in Deutschland aus, 2025 noch 99. Ist das normale Konsolidierung – oder beschleunigt sich die Marktbereinigung?
Schiffers:
Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, aber ich kann mir vorstellen, dass Ökonomen eine Entwicklung in einer Produktionsbranche über einen solch langen Zeitraum von 20 Jahren als realistisch und nicht außergewöhnlich bewerten würden. Natürliche Selektion, nicht funktionierende Generationen-Übergaben und einzelne Übernahmen durch Wettbewerber hat es schon immer auch in unserer Branche gegeben. Freilich hat das Tempo von Übernahmen gerade im Bereich der großen Unternehmensgruppen in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Allerdings sehen wir gesamteuropäisch hierbei nicht zwingend Auswirkungen auf die Gesamtkapazität der Branche.

Redaktion: Wie groß ist der reale Markt für Kunststoffsubstitution?
Schiffers:
Die Wachstumsstory von Papier und Karton beruht stark auf dem Ersatz von Kunststoff. Wie viel zusätzliches Faltschachtelvolumen ist daraus in Deutschland bereits entstanden: relevante Marktanteile oder vor allem Leuchtturmprojekte?

Wir erwarten in der Tat Substitutionseffekte durch die zunehmende Regulierung von Kunststoffverpackungen zugunsten faserbasierter Verpackungslösungen. Als Beispiele lassen sich hier Verpackungen im Bereich Obst und Gemüse oder bei Mehrstück-Verpackungen im Getränkebereich nennen. Quantitativ lassen sich die erwarteten Substitutionseffekt gegenwärtig aber nicht beziffern.

Redaktion: Was bedeutet die PPWR wirtschaftlich?
Schiffers: Die PPWR gilt als Chance für recyclingfähige Faserverpackungen, bringt aber neue Anforderungen an Dokumentation, Recyclingfähigkeit und Verpackungsoptimierung. Ist sie für die deutsche Faltschachtelindustrie bisher eher Wachstumschance oder Kostenprogramm? In einigen Jahren werden wir vermutlich feststellen, dass die europäische harmonisierte Gesetzgebung zu Verpackungen auf beides einen Einfluss hatte: einerseits eine erhöhte Nachfrage nach faserbasierten Verpackungen. Natürlich ordnet die Gesetzgebung die Verwendung nicht unmittelbar an, aber sie schafft ein Geschäfts-Klima für bewusste Entsch´´ idungen von Markenartikelindustrie und Handel für nachhaltige Kartonverpackungen. Andererseits sind die auch von unseren Branchen zu leistenden Mehraufwendungen bei den Konformitäts- und Dokumentationspflichten freilich keine wertschöpfenden Prozesse.

Redaktion: Herr Mühling, 89 % der Menschen bevorzugen Karton gegenüber Kunststoff – reicht das als Wachstumstreiber? Ist das ein belastbarer Indikator für die Materialentwicklung – oder überschätzen solche Befragungen reale Kaufentscheidungen?
Winfried Mühling:
Ich sehe die Aussage nicht als direkten Indikator für die Absatzentwicklung, sondern als starken Indikator für Verbraucherpräferenz und -akzeptanz. Die Präferenz für Karton ist gegeben und wir sehen auch, dass die Verpackung und die Wahl des Verpackungsmaterials zunehmend Kaufentscheidungen beeinflussen. Verpackung wird immer wichtiger bei der Kaufentscheidung und Markenwahrnehmung.

Winfried Mühling, Leiter Marketing & Kommunikation beim Verband Pro Carton.

Aktuell sehen wir eine starke Konsumzurückhaltung, was sich dann unmittelbar auch auf den Absatz von Verpackungsmaterial, unabhängig vom Substrat, auswirkt. Ganz sicher aber gilt, wenn Marken und Handel den Einsatz von Karton dort ausbauen, wo er technisch, ökologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, treffen sie auf eine sehr hohe Verbraucherakzeptanz. Und genau darin liegt das Wachstumspotenzial. 

Redaktion: Warum sieht die industrielle Realität weniger positiv aus? 65 % der Befragten halten einfache Recyclingfähigkeit für wichtig. Trotzdem kämpfen Hersteller von Papier-, Karton- und Wellpappenverpackungen mit schwachen Mengen und Margen.
Mühling:
Die tatsächliche Nachfrage ist eine Frage der Kaufkraft und des Konsumwillens. Vorhandene Budgets werden heute durch Inflationswirkung bei Produkten des täglichen Bedarfs und besonders Energie und Kraftstoffen aufgezehrt.

Gute Recyclingfähigkeit ist ein relevantes Kriterium und stärkt die Akzeptanz einer Verpackung und unterstützt Vertrauen in Produkt und Marke. Sie schafft damit günstige Voraussetzungen für Wiederholungskäufe. Sie garantiert aber weder kurzfristiges Mengenwachstum noch bessere Margen.

Wir sehen aber mit Zuversicht, wenn Unternehmen ihre Verpackungsportfolios verändern, ist es ein erheblicher Vorteil, dass die gewählte Lösung bereits eine hohe Akzeptanz und nachgewiesene Recyclingfähigkeit besitzt.

Redaktion: Die deutsche Faltschachtelproduktion sank von rund 943.000 t 2022 auf 776.000 t 2025 – knapp 18 %. Für Europa werden dagegen bis 2028 rund 2,8 % Wachstum pro Jahr prognostiziert. Ist Deutschland ein Sonderfall?  
Mühling: Es gibt unterschiedliche Wachstumsprognosen. Ich sehe ein jährliches Wachstum von 1-2 % für die kommenden Jahre unter den gegebenen Marktbedingungen. Dieses kommt zum einen durch Substitution weniger umweltfreundlicher Materialien, zum andern durch neue Anwendungen und generatives Wachstum.

Die oben genannten Zahlen zeigen eine strukturelle Schwäche des Produktionsstandorts Deutschland und ein langfristiges Wachstumspotenzial des europäischen Faltschachtelmarktes.

Deutschland hat wesentliche Standortnachteile im Vergleich zu Nachbarländern in Form sehr hoher Energie- und zunehmend hoher Personalkosten. Hinzu kommt die mangelnde Verfügbarkeit von Fachkräften. Die marktführenden Unternehmen haben heute Produktionsstätten für Faltschachteln in verschiedenen Ländern. Darunter auch seit Jahren in Ländern in Zentral- Osteuropa wie Polen, Ungarn und Tschechien. Internationale Unternehmensgruppen vergeben Aufträge innerhalb ihres europäischen Produktionsnetzwerks und produzieren dort, wo Kostenstrukturen und Kapazitätsauslastung attraktiver sind.

Deutschland blickt auf zwei Jahre Rezession zurück, bei gleichzeitiger starker Inflation. Dies wirkt unmittelbar direkt auf die Kaufkraft der Verbraucher.

Redaktion: Für Europa werden bis 2028 rund 2,7 % Wachstum beim Kartonbezug und 2,8 % bei der Faltschachtelproduktion erwartet. Wo entstehtdas prognostizierte Wachstum?
Mühling:
Wie oben bereits geschildert gibt es unterschiedliche Wachstumsprognosen. Ich sehe ein jährliches Wachstum von 1-2 % bei den aktuellen Marktgegebenheiten.

Wir sehen heute in den Regalen des Handels zunehmend papierbasierte Lösungen in Kategorien wie Food, Waschmittel, Getränke oder auch Süsswaren. Kindersichere Waschmittelverpackungen und kleine Kartonträger für Mehrweggebinde ersetzen zunehmend Kunststoffverpackungen und Schrumpfgebinde.

Wir sind nicht von einem Wachtumstreiber abhängig. Die Chance liegt vielmehr darin, Karton dort einzusetzen, wo er funktional überzeugt, Recycling erleichtert, wirtschaftlich tragfähig ist und gleichzeitig die Erwartungen von Marken, Handel und Verbrauchern erfüllt. Wir erschliessen auch weitere Wachstumsfelder für papierbasierte Verpackungen durch verbesserte Barriereeigenschaften, Trays und formbare Kartonlösungen. 

Die strategische Relevanz von papierbasierten Verpackungen ist gegeben. Diese werden einen bedeutenden Anteil tragen an der Transformation der Verpackungsindustrie hin zu einer europäischen Kreislaufwirtschaft.

Redaktion. Können Sie quantifizieren, welcher Anteil des erwarteten Wachstums aus neuer Nachfrage und welcher aus dem Ersatz von Kunststoffverpackungen entsteht?
Mühling:
Aktuell sind wir mit sinkender Gesamtnachfrage konfrontiert. Es gibt optimistische Schätzungen die besagen, dass 25 % aller Kunststoffverpackungen durch papierbasierte Lösungen ersetzt werden können ohne negative Auswirkungen für das Produkt oder für den Konsumenten. Ein Teil dieses Potenzials wird über mehrere Jahre erschlossen werden. Eine genaue Prozentzahl hier festzulegen ist schwierig. Je nach Geschwindigkeit der Umsetzung sehe ich hieraus ein jährliches Wachstumspotenzial von 0.5 bis 1.5 %.

Lassen Sie uns hier aber auch realistisch sein: Sobald Sie die Primärverpackung verändern hat dies unmittelbare Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette von der Beschaffung der Rohmaterialien über die Produktion und Logistik, Präsentation im Regal und das Recycling. Diese Änderungen benötigen Ressourcen und Zeit.

Unser Fokus sollte dabei insbesondere auf dem Ersatz von Virgin Plastics liegen - und nicht auf Substitution um der Substitution willen. Jede Einsparung fossiler Primärkunststoffe reduziert unsere Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen. Das leistet einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz und stärkt gleichzeitig die Resilienz und Rohstoffunabhängigkeit Europas. Der Rest des Wachstums wird auf neuen Anwendungen liegen und in der Erwartung, dass real steigende Kaufkraft sich auch positiv auf den deutschen Einzelhandelsumsatz auswirken wird.


Faktenbox: Faltschachteln und Karton – Deutschland vs. Europa

  • 776.415 t Faltschachteln wurden 2025 in Deutschland produziert. 2021 waren es noch rund 966.500 t. Quelle: FFI/BUSTA.

  • –19,7 %: Um knapp ein Fünftel ist die deutsche Faltschachtelproduktion damit zwischen 2021 und 2025 zurückgegangen. Quelle: FFI

  • –9,9 % betrug allein der Mengenrückgang der deutschen Faltschachtelproduktion 2024 gegenüber 2023. Quelle: FFI.

  • 1,996 Mrd. Euro erreichte der Produktionswert der deutschen Faltschachtelindustrie 2025 – trotz deutlich gesunkener Mengen. Quelle: FFI.

  • 2.571 Euro/t betrug der rechnerische Produktionswert je Tonne Faltschachteln 2025. 2021 waren es noch 1.980 Euro/t. Quelle: FFI.

  • 99 Unternehmen wurden 2025 in der deutschen Faltschachtelstatistik erfasst; 2021 waren es noch 104. Quelle: FFI/BUSTA.

  • 12,54 Mio. t Papier, Karton und Pappe für Verpackungszwecke wurden 2025 in Deutschland produziert. Nach dem Tief 2023 hat sich dieses breitere Marktsegment damit wieder erholt. Quelle: Die Papierindustrie.

  • 6,42 Mio. t Faltschachteln wurden laut ECMA 2023 in Europa produziert. 2021 waren es rund 6,54 Mio. t – der Rückgang war damit deutlich geringer als in Deutschland. Quelle: ECMA.

  • 6,90 Mio. t Karton kauften europäische Faltschachtelhersteller 2023 ein. 2022 waren es noch 7,67 Mio. t – ein Minus von rund 10 % infolge des starken Lagerabbaus. Quelle: ECMA.

  • –5,4 %: Um diesen Wert sank die europäische Kartonproduktion 2025 gegenüber 2024. Quelle: CEPI.

Während die deutsche Faltschachtelproduktion seit 2021 fast ein Fünftel ihres Volumens verloren hat, verlief die Entwicklung auf europäischer Ebene deutlich stabiler. Zugleich zeigen Karton- und Verpackungspapierdaten, dass sich die Schwäche nicht pauschal auf alle faserbasierten Verpackungsmaterialien übertragen lässt.