Die PPWR ist Chefsache – und stellt die Führungskompetenz vieler Unternehmen auf den Prüfstand. Denn über Materialien, Technologien und Investitionen muss entschieden werden, bevor alle regulatorischen Vorgaben feststehen. Gefragt sind Führungskräfte, die mit Unsicherheit umgehen, Abteilungsgrenzen überwinden und neue Partnerschaften schmieden können. Doch sind Unternehmen dafür personell richtig aufgestellt?
Stefan W. MüllerStefan W.MüllerManaging PartnerSignium International, düsseldorf
4 min
Besprechung an der Fertigungslinie.OpenAI
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Seit dem 12. August 2026 gilt die PPWR, und viele Unternehmen haben sie abgehakt. Die eigentlichen Weichenstellungen zu Material, Design und Investitionen stehen aber erst bevor – und sie verlangen Entscheidungen, deren Spielregeln noch nicht feststehen. Damit wird die Verordnung zur Führungsaufgabe.
Die erste Stufe der Verordnung (EU) 2025/40 war in vielen Unternehmen ein Compliance-Projekt: Rollen klären, Dokumentation erstellen, Stoffgrenzwerte prüfen.
Das war der überschaubare Teil. Ab 2030 dürfen Verpackungen, deren Recyclingfähigkeit nach den Design-for-Recycling-Kriterien unter 70 % liegt, nicht mehr in den EU-Markt. Für Kunststoffverpackungen kommen Mindestanteile an Rezyklat hinzu, ab 2035 muss zusätzlich das Recycling im großen Maßstab nachgewiesen werden.
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Wer eine Linie umrüstet oder ein Material qualifiziert, plant in mehrjährigen Zyklen. 2030 beginnt also heute.
Die konkreten Bewertungskriterien werden erst bis 2028 per delegiertem Rechtsakt festgelegt. Unternehmen müssen investieren und entwickeln, ohne zu wissen, wo die Messlatte am Ende liegt.
Das sprengt den Rahmen einer Fachabteilung. Der Einkauf muss Rezyklat in verlässlicher Qualität sichern, der Vertrieb Markenartiklern neue Lösungen und Preise erklären, die Geschäftsführung Technologien finanzieren, ohne zu wissen, welche sich durchsetzt. Solche Zielkonflikte löst keine Stabsstelle.
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Recyclingfähig ist nicht gleich recycelt
Dazu kommt ein strukturelles Problem: Verpackungs-, Material- und Maschinenhersteller entwickeln vielfach nebeneinander her, die Recyclingwirtschaft sitzt selten mit am Tisch. Dabei entscheidet sich Kreislauffähigkeit nicht im Design allein: Verpackungen müssen sortiert werden, Recycler brauchen Kapazitäten, Rezyklat braucht Abnehmer.
Genau dort klafft eine Lücke. Nach Angaben des Branchenverbands Plastics Recyclers Europe sind in Europa binnen drei Jahren fast eine Mio. t Recyclingkapazität verloren gegangen. Vorläufige Zahlen für 2025 zeigen rund 50 % mehr Anlagenschließungen.
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Hinzu kommt die digitale Rückverfolgbarkeit. Einen Labortest für den Rezyklatanteil im fertigen Produkt gibt es nicht. Der Nachweis läuft über dokumentierte Materialflüsse und Audits entlang der gesamten Lieferkette. Digitale Wasserzeichen für die Sortierung sind technisch reif, offen sind Kosten, Standards und die Ausrüstung der Anlagen. Ohne Datenaustausch über Unternehmensgrenzen hinweg geht es nicht.
Drei Szenarien aus der Praxis
Monomaterial statt Verbund. Ein Hersteller flexibler Verpackungen ersetzt Verbundfolien durch Mono-PE mit hauchdünner Barriereschicht oder recyclingfähiges Barrierepapier – Strukturen, die ein Maschinenbauer 2024 mit Partnern aus Rohstoff, Druckfarbe und Papier entwickelt hat. Recyclingfähig sind sie, die Sortierinfrastruktur muss aber erst mitwachsen. Neu ist nicht die Zusammenarbeit an sich, sondern wer mit am Tisch sitzen muss: Sortierer und Recycler, mit denen es keinen Liefervertrag gibt, und Wettbewerber, die vor demselben Problem stehen. Die Führungsfrage: Wie gewinnt man Einfluss auf Partner, denen man weder Aufträge erteilen noch Weisungen geben kann?
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Stefan W. Müller ist Managing Partner im Düsseldorfer Büro von Signium International und besetzt Führungspositionen im industriellen Mittelstand, mit Schwerpunkt auf Maschinen- und Anlagenbau, produzierender Industrie und Recycling. Zuvor trug er über 20 Jahre operative Führungsverantwortung in der Industrie, unter anderem bei Nordson und J.Wagner. Bei der Circular Valley Stiftung ist er ehrenamtlich als Mentor für Start-ups tätig.Silke Brenner
Der unscheinbare Klebstoff. Bei Faltschachteln für Tiefkühlprodukte ist oft der Klebstoff die Schwachstelle: Recyclingfasern sind schwerer zu verkleben, viele Schmelzklebstoffe verlieren bei Kälte an Haftung. Ende 2025 kam ein Hotmelt auf den Markt, der zu 97 % aus biobasierten Rohstoffen besteht und für genau diese Bedingungen ausgelegt ist. Ob er auf der eigenen Linie so schnell läuft wie der bewährte, muss sich zeigen. Neu ist, wo der Nutzen anfällt: Liniengeschwindigkeit und Reinigungszyklen schlagen sofort auf die eigene Kostenstelle durch, der Wert der Recyclingfähigkeit zeigt sich erst Jahre später, beim Marktzugang. Die Führungsfrage: Passen die Kennzahlen, an denen Werkleiter und Einkäufer gemessen werden, noch zu dieser Entscheidung?
Plasma statt Fluor. Ein Hersteller von Kunststoffkanistern für Chemikalien erzeugt die Barriere bisher per Fluorierung - ein Verfahren, das wegen möglicher PFAS-Bildung in der Kritik steht. Eine Alternative sind plasmabasierte Barriereschichten auf der Innenseite des Behälters, laut Anbieter vollständig recyclingfähig. Ein Spin-off der RWTH Aachen hat dafür Ende 2024 3,5 Mio. Euro Wagniskapital eingeworben. Klassisch legt das Pflichtenheft fest, wann genug getestet ist. Hier ist es unvollständig: Die PFAS-Regulierung ist in Bewegung, Langzeiterfahrung fehlt, der Partner hat keine Serienreferenz. Die Führungsfrage: Wer übernimmt die Verantwortung für eine Freigabe, bevor alle Spezifikationen feststehen?
Was sich an Führung verändert
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Märkte, Technologien und Regeln ändern sich schneller, als Organisationen es gewohnt sind. Das verschiebt das Anforderungsprofil an Führungskräfte auf allen Ebenen.
Ambiguitätstoleranz - und trotzdem entscheiden. Der Kunde will Recyclingfähigkeit, aber keinen Mehrpreis. Die Entwicklung braucht die Barriere, der Recycler will sie nicht. Die Kriterien dafür kommen erst 2028. Diese Widersprüche lösen sich nicht auf, nur weil man wartet. Wer Verantwortung für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit trägt, muss trotzdem entscheiden: mit belastbaren Annahmen, mit Verantwortung dort, wo das Wissen sitzt, und mit der Bereitschaft, nachzusteuern.
Veränderungsbereitschaft und disruptives Denken. Die Frage ist nicht mehr nur, wie sich die bestehende Verpackung verbessern lässt, sondern ob es sie in dieser Form noch braucht - bis hin zum eigenen Geschäftsmodell.
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5 Fragen an die Geschäftsführung
Wer in unserem Führungsteam hat zuletzt eine wesentliche Entscheidung getroffen, obwohl die Informationen unvollständig oder mehrdeutig waren - und wie ist das Unternehmen damit umgegangen?
Gibt es jemanden im Management-Team, der regelmäßig Produkte oder Prozesse grundsätzlich infrage stellt - und wie wird das im Unternehmen aufgefasst, wie geht man damit um?
Wer bei uns kennt die Recycler, Sortierer und Start-ups persönlich, die über den Erfolg unserer Verpackungen mitentscheiden - und erfordert das die Rolle oder basiert es auf Eigeninitiative?
Haben wir Menschen, die zwischen Regulatorik, Werkstofftechnik und Kundennutzen übersetzen können - oder sprechen Juristen, Ingenieure und Einkäufer bei uns aneinander vorbei?
Prüfen wir diese Fähigkeiten, bevor wir eine Schlüsselposition besetzen - oder verlassen wir uns auf Lebenslauf, Referenzen und Bauchgefühl?
Einfluss ohne Hierarchie. Über den Erfolg einer Verpackung entscheiden heute mehr Akteure mit als früher: Markenartikler mit eigenen Nachhaltigkeitszielen, duale Systeme, Sortierer und Recycler, Prüfinstitute und Behörden. Mit den wenigsten gibt es einen Vertrag, mit manchen nicht einmal einen Gesprächskanal. Führungskräfte müssen sie kennen, ihre Interessen verstehen und Allianzen schmieden, bevor ein Projekt sie braucht. Damit bekommt Stakeholder-Management als Führungskompetenz auch in weiteren Führungsebenen eine zentrale Bedeutung. Neue innovative Lösungen kommen dabei zunehmend von Start-ups. Übrigens: Plattformen wie die Circular Valley Stiftung in meiner Heimatstadt Wuppertal bringen sie mit etablierten Industrieunternehmen zusammen.
Veränderungen managen
Systemdenken und Übersetzungskompetenz. Gebraucht werden Menschen, die Regulatorik, Werkstofftechnik, Daten und Kundennutzen zugleich im Blick haben. Wer Verpackung und Recycling gleichermaßen versteht, ist selten.
Resilienz. Materialtests scheitern, Kunden ziehen Projekte zurück, Kriterien werden nachgeschärft. Führungskräfte brauchen die Stabilität, ihr Team durch solche Phasen zu tragen, und die Fähigkeit, Veränderung zu managen. Eine Belegschaft mit Jahrzehnten Werkstoffkompetenz stellt man nicht per Rundmail um.
Für die Besetzung von Schlüsselpositionen werden diese Kompetenzen erfolgskritisch: Ein Profil, das vor fünf Jahren passte, kann heute schon das falsche sein. Nicht die Fachkompetenz hat an Gewicht verloren, sondern die Dauer ihrer Gültigkeit. Entscheidend wird, wie jemand mit Unsicherheit, Tempo und Partnern ohne Hebel umgeht und ob er Innovation nicht nur produktseitig, sondern auch prozessual und organisatorisch denkt. Das lässt sich nicht aus dem Lebenslauf lesen, aber vor der Einstellung belastbar prüfen - wenn man es tut.